Deutschland in der polnischen Wahrnehmung und Politik nach 1945

Deutschland in der polnischen Wahrnehmung und Politik nach 1945

Nach der Kriegskatastrophe, die infolge der deutschen Aggression und Okkupation Millionen Opfer, eine beispiellose Zerstörung Polens sowie den Verlust von einem Drittel des Staatsterritoriums mit sich brachte, war die Feindschaft gegenüber den Deutschen in der polnischen Gesellschaft allenthalben zu spüren. Dass der Anfangsbuchstabe im Wort ‚Deutsche‘ (niemcy) klein geschrieben wurde, galt eine Zeit lang fast als Selbstverständlichkeit. So entlud sich die aufgestaute Frustration in einer Gesellschaft, die sich gerade von der langjährigen Unterdrückung und Verfolgung befreite. In einer Wochenzeitung war damals zu lesen, dass die Deutschen biologisch degeneriert seien und die Aggression in ihren Genen hätten. So versuchte man die unvorstellbaren Verbrechen von 1939 bis 1945 zu erklären. Der Schriftsteller Leon Kruczkowski, der 1949 die „zoologische Sicht“ auf die Deutschen kritisierte, gehörte zu den wenigen Ausnahmen, die sich einer solchen Interpretation widersetzten. Dass eine Neigung zur Gewalt im „deutschen Geist“ inbegriffen sei, wollten viele durch historische Verweise auf die germanischen Stämme, den „Drang nach Osten“ und die preußische Expansion belegt wissen. In dem populären Jugendroman „Der Schatz von Dzik“ von Karol Bunsch aus dem Jahre 1945, der im 10. Jahrhundert spielt, wird der brandenburgische Markgraf Gero als eine Verkörperung des Bösen dargestellt, wobei die Ähnlichkeiten mit Adolf Hitler nicht zu übersehen sind.

Der Tausendjährige Kampf
Im Elitendiskurs herrschte die Überzeugung, dass sich Polen und Deutsche seit tausend Jahren in einem immerwährenden Kampf gegeneinander befänden, wie es der Posener Historiker Zygmunt Wojciechowski in einem einflussreichen Werk beweisen wollte. Dass im Gegenteil über lange Strecken der Geschichte Schweden oder Russland die größten Feinde Polens waren, hätte damals kaum jemand wahrhaben wollen. Doch entsprach die These von der „ewigen Feindschaft“ nicht nur dem durchaus verständlichen Lebensgefühl der polnischen Nachkriegsgesellschaft, sie diente sehr wohl auch politischen Zwecken der seit 1945 regierenden Kommunisten. Da sie gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit von Stalin eingesetzt wurden, suchten sie nach einer nachträglichen Legitimation ihrer Herrschaft. In der Atmosphäre der Bedrohung durch den erklärten Erzfeind Deutschland, die sie geschickt zu schüren wussten, glaubten die neuen Machthaber, die Gesellschaft leichter umkrempeln zu können. Nur unter der Regierung Bolesław Bieruts könne die Nation zusammenstehen, um die Deutschen dauerhaft abzuwehren, war die unmissverständliche propagandistische Botschaft.
Darüber hinaus lieferte das deutsche Feindbild eine gute Begründung für das ungeliebte Bündnis mit der Sowjetunion, das vor diesem Hintergrund als unerlässlicher Garant der Sicherheit und territorialen Unversehrtheit Polens erscheinen musste. Angesichts der territorialen Verschiebungen nach dem Krieg war dieses Argument nicht von der Hand zu weisen. Ein Drittel des polnischen Staatsgebiets bildeten nunmehr die ehemaligen deutschen Territorien (Ostpreußen, Niederschlesien, Westpommern). In die sogenannten Westgebiete, aus denen die bisherigen deutschen Bewohner auf Beschluss der Alliierten ausgesiedelt bzw. vertrieben wurden, kamen nun per Zwangsumsiedlung ca. 1,5 Millionen Polen aus dem Ostteil des Landes, nachdem ihre Heimat von der Sowjetunion annektiert worden war. Die Parallelität der Vertreibungen und der Hass gegen die Deutschen hatten Folgen: Nicht wenige Polen beteiligten sich an der Zwangsausweisung und Verfolgung der deutschen Bevölkerung. „Selbst die größten Moralisten sahen in dem Abtransport der Deutschen aus Schlesien in Viehwaggons kein Indiz für Unmenschlichkeit. Mit den gleichen Wagen kamen doch die Polen, mit Kindern und Alten, aus dem Osten“, erinnerte sich der Auschwitz-Überlebende und spätere Außenminister Władysław Bartoszewski.
Nun fungierte ausgerechnet Moskau als die Schutzmacht, die den polnischen Vertriebenen einen Neuanfang ermöglichen sollte. Einen Nährboden für diese Propaganda schuf aber nicht zuletzt die Politik der Bundesrepublik selbst. So war Bonn bis 1970 nicht bereit, die polnische Westgrenze und damit die territorialen Konsequenzen des Zweiten Weltkriegs anzuerkennen. Diese Weigerung stärkte die Ängste in der polnischen Gesellschaft und spielte den Kommunisten in die Hände. Geschichtspolitisch profitierten sie von der antideutschen Grundstimmung noch in anderer Hinsicht. Je stärker die vermeintliche deutsche Gefahr und Schuld beschworen und wachgehalten wurde, desto leichter war es, die Besatzung Ostpolens durch die Sowjetunion in den Jahren 1939 bis 1941 und ihre Folgen aus dem Bewusstsein der Bürger zu verdrängen.
Bald zeigte sich, wie stark das offizielle Deutschlandbild mit den politischen Konjunkturen zusammenhing. Bereits in den Fünfzigerjahren musste die pauschale Verurteilung ‚der Deutschen‘ als Verbrecher, Urfeinde und Nazis einer differenzierteren Auffassung weichen. 1949 entstanden zwei deutsche Staaten. Nachdem die DDR 1950 die Oder-Neiße-Grenze im Görlitzer Vertrag mit Polen anerkannte, galten die verbrüderten DDR-Deutschen als die ‚Guten‘, die Westdeutschen dagegen weiterhin als Handlanger Hitlers. Die polnischen Schüler konnten 1950 über die Konsequenzen der Eroberung Berlins durch die Rote Armee lesen: „Dank dieses Sieges konnten die ehrlichen Deutschen, die vorher von den Hitler-Faschisten in Gefängnissen und Lagern gequält wurden, in ihre Heimat zurückkehren. In der Ostzone Deutschlands errichteten sie eine demokratische Republik. Sie bauten ihre zerstörten Städte und Dörfer wieder auf. Und wie wir wollen sie, dass es keinen Krieg mehr gibt.“
Diese Unterscheidung ging auch mit der sich verschärfenden Konfrontation zwischen Kommunismus und Kapitalismus einher. Der Klassenfeind war präzise definiert: Aristokrat, Großgrundbesitzer, Kapitalist oder Imperialist. Und ausgerechnet in diesem Gewand erschien – in Zeitungen, Schulbüchern und Karikaturen – der Westdeutsche. Diese Sichtweise wurde auf die Geschichtsdeutung übertragen: Die Schüler lernten, dass die „deutschen Herren“ einen Kampf gegen „slawische Stämme“ geführt hätten und dass die „Hitler-Partei die Tradition und Politik des [großkapitalistischen] Alldeutschen Bundes fortgesetzt hätte“.
Nach dem Tauwetter von 1956 verlor die Instrumentalisierung des Klassenkampfes deutlich an Bedeutung. Zugleich begann sich auch die Rolle der deutschen Frage in der offiziellen Propaganda zu verändern. Unter dem Ersten Parteisekretär Władysław Gomułka (1956–1970) sollte nicht nur eine Klassengemeinschaft („Arbeiter- und Bauernstaat“), sondern auch eine „nationale Gemeinschaft“ („Staat der Polen“) das Ziel sein. Diese national-ethnische Konzeption der Gesellschaft erforderte eine apologetische Vision der nationalen Geschichte, ein Gefühl der Überlegenheit und eine stärkere Abgrenzung von den Fremden. ‚Die Deutschen‘ als die Urheber des Bösen in der polnischen Geschichte kehrten wieder in den offiziellen Sprachgebrauch zurück. Das negative Stereotyp des (west)deutschen Volkes hatte jetzt wieder eine neue Funktion: Es sollte der positiven Selbstwahrnehmung der Polen zur raschen Entfaltung verhelfen.
Während die antideutsche Stimmungsmache ein fester Bestandteil der nationalistischen Innenpolitik Gomułkas war, schlug er in der Außenpolitik auch andere Töne an. So versuchte er den westdeutsch-polnischen Gegensatz in der Grenzfrage zu entschärfen, indem er die Errichtung einer atomwaffenfreien Zone (inklusive beider deutscher Staaten) in Mitteleuropa vorschlug, die allerdings von Moskau strikt abgelehnt wurde. Als die polnischen Bischöfe 1965 ihren Brief an die deutsche Bischofskonferenz mit den Worten „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ richteten, reagierte Gomułka mit einer Hetzkampagne gegen diese Versöhnungsgeste. Zum einen sei der Brief ohne Absprache mit der Parteiführung verfasst worden, zum anderen verstießen seine Passagen über die wechselhafte deutsch-polnische Geschichte gegen die offizielle Interpretation vom „tausendjährigen Kampf“, mit der die kommunistische Partei im Jubiläumsjahr 1966 (1000 Jahre polnischer Staatlichkeit) neuerlich aufwarten wollte.

Gegen die offizielle Propaganda
Mitte der Sechzigerjahre büßte das national-kommunistische Narrativ über die deutsch-polnischen Beziehungen seine Monopolstellung in der öffentlichen Meinung allmählich ein. Unter dem Dach der katholischen Kirche bemühte sich eine Reihe von Publizisten und Intellektuellen, vor allem um die Krakauer Wochenzeitschrift „Tygodnik Powszechny“, ein alternatives Deutschlandbild zu vermitteln. Sie verwiesen auf den Umbruch in der westdeutschen Gesellschaft, das Wirtschaftswunder, den Aufbau der Demokratie und die seit Anfang der Sechzigerjahre einsetzende Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit. Władysław Bartoszewski, Leopold Tyrmand, Stanisław Stomma oder Stefan Kisielewski knüpften auch erstmals persönliche Kontakte in die Bundesrepublik. Einen wichtigen Beitrag leistete auch die in Paris erscheinende Emigrantenzeitschrift „Kultura“. Zwar war die Wirkung dieser Bemühungen zunächst begrenzt: Eine breite Öffentlichkeit konnte so kaum erreicht werden. Doch für die Veränderung in der Wahrnehmung Westdeutschlands, die in den darauf folgenden Jahrzehnten stattfinden sollte, ist diese Pionierarbeit nicht zu unterschätzen.
Nach dem Kniefall von Willy Brandt vor dem Ghetto-Denkmal in Warschau und der Unterzeichnung des Normalisierungsvertrages zwischen der Bundesrepublik und Polen im Jahre 1970, in dem die Westgrenze Polens anerkannt wurde, begann die Entspannung im deutsch-polnischen Verhältnis die Oberhand zu gewinnen. Der Helsinki-Prozess eröffnete seit 1975 auch neue Reisemöglichkeiten und ermöglichte damit begrenzte Kontakte zwischen beiden Gesellschaften. Die Grenze zur DDR wurde bereits 1972 für den Reiseverkehr geöffnet.
Eine von ideologischen Zwängen befreite Haltung der Bundesrepublik gegenüber nahmen in den Siebziger- und Achtzigerjahren einige Gruppen innerhalb der sich formierenden demokratischen Opposition ein. Zwei Meilensteine in der polnischen Wahrnehmung beider deutscher Staaten sind hier zu nennen: Bereits Ende der Siebzigerjahre kam – niedergelegt in einem Manifest der „Polnischen Verständigung für die Unabhängigkeit“ (PPN) von 1977 – der wahrhaft revolutionäre Gedanke auf, dass Polens Souveränität und Freiheit ohne die deutsche Wiedervereinigung undenkbar sei. War die deutsche Einheit bislang ein Gespenst, mit dem die Kommunisten Ängste in der polnischen Gesellschaft schürten, so wurde nun die These von einer Schicksalsgemeinschaft formuliert: Beide Nationen seien Geiseln des Kalten Krieges und seine Überwindung liege im gemeinsamen Interesse.
Der zweite Meilenstein verdankte sich einem vorurteilsfreien und selbstkritischen Blick auf die polnische Geschichte, der sich in den Kreisen der demokratischen Opposition als Antwort auf die verleugnete kommunistisch-nationalistische Interpretation entwickelte. Exemplarisch für diese Tendenz war der 1981 erschienene Essay „Zwei Vaterländer, zwei Patriotismen“ des Literaturwissenschaftlers Jan Józef Lipski, in dem er mit dem nationalen Opfermythos ins Gericht ging und die polnische Schuld gegenüber anderen Nationen offen ansprach. Nicht zuletzt erwähnte er in diesem Zusammenhang auch die Vertreibung der Deutschen: ein Wagnis, das die polnische Deutschlanddebatte dauerhaft prägte.
Trotz dieser Entwicklungen blieb auch das Verhältnis der demokratischen Opposition zur Bundesrepublik nicht frei von Rückschlägen. Zwar stand die umfangreiche Hilfe im Rahmen der Paketaktion durch die westdeutsche Gesellschaft während des Kriegsrechts in Polen (1981–1983) unübersehbar für die große Solidarität mit den polnischen Nachbarn, doch auf der politischen Ebene fühlte sich die Führung der Solidarność in ihren Anliegen nicht ernst genommen. Vor allem die Haltung der SPD als Oppositionspartei, die dadurch zugleich über mehr Freiräume in der Außenpolitik verfügte, sorgte für Enttäuschung. Die Partei der Ostpolitik setzte weiterhin vor allem auf ihre Kontakte mit der kommunistischen Elite, die demokratische Bewegung in Polen wurde dagegen als Risikofaktor für Frieden und Stabilität betrachtet. Dass Willy Brandt bei seinem Besuch in Polen 1985 den Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa in Danzig nicht treffen konnte und wollte, vertiefte das Misstrauen gegenüber der SPD in den Solidarność-Kreisen nur. Auch die CDU verfügte übrigens über kaum Kontakte zu den polnischen Oppositionellen.
Trotz der Entspannungspolitik und des allmählichen Abbaus der antideutschen Ressentiments blieb das Verhältnis zur Bundesrepublik auch in der offiziellen Politik schwierig. Obwohl das Bild von den Westdeutschen nach der Hilfswelle während des Kriegsrechts positiver wurde, blieb das unterschwellige Misstrauen weiterhin bestehen. 1990 waren 77 Prozent der Polen überzeugt, dass eine Versöhnung mit den Deutschen unmöglich sei. 84 Prozent sahen in der deutschen Einheit eine Gefahr für die Sicherheit Polens.

Umbruch und Neuanfang
Umso bemerkenswerter war die geradezu kopernikanische Wende, die 1989/90 im Verhältnis zu Deutschland eintrat. Sie vollzog sich nicht von heute auf morgen und war von Befürchtungen, Diskussionen und Konflikten begleitet. Eine völlige Abkehr von der tradierten Überzeugung eines unlösbaren deutsch-polnischen Interessenkonflikts stand zunächst einmal wegen der – angesichts der bevorstehenden Wiedervereinigung – weiterhin ungeklärten Grenzfrage nicht auf der Agenda. Bundeskanzler Kohl betrieb einen innenpolitisch motivierten Schlingerkurs und zögerte mit einer völkerrechtlichen Anerkennung, während diese in Polen als Lackmustest einer friedlichen Politik des vereinigten Deutschland galt. Mehr Verständnis für dieses Anliegen Polens zeigte übrigens die demokratische Regierung in der DDR, die nach den Volkskammerwahlen im März 1990 bereits am 12. April 1990 die Unverletzbarkeit der polnischen Westgrenze bestätigte und jegliche Gebietsansprüche seitens der DDR ausschloss. Im November 1990 wurde schließlich der Grenzvertrag zwischen Polen und dem vereinigten Deutschland unterzeichnet, der diese schwierige Phase der Neujustierung der nunmehr gesamtdeutsch-polnischen Beziehungen beendete.
Die Angst, dass nun wieder ein „deutsches Europa“ bevorstehe, war in der Umbruchzeit 1989/90 selbstverständlich keine polnische Besonderheit. Auf dem ganzen Kontinent erregte diese Frage die Gemüter. In Polen hatte sie allerdings insofern einen dramatischen Charakter, als die Diskussion über das Verhältnis zu Deutschland gleichzeitig Teil einer fundamentalen Auseinandersetzung über die Zukunft Polens und seinen Platz in Europa war. Hier bekamen die Erkenntnisse aus den intellektuellen Untergrunddiskussionen der späten Siebzigerjahre plötzlich eine hochaktuelle Bedeutung: Eine prowestliche Ausrichtung der Außenpolitik des nun freien und demokratischen Polen erforderte vor allem einen grundsätzlichen Wechsel in der Einstellung zu Deutschland. Die Überwindung des geopolitischen Fatalismus, der Polens Geschichte seit Jahrhunderten prägte – die Lage zwischen zwei potenziellen Feinden: Deutschland und Russland – und die Rückkehr des Landes nach Europa – also die beiden Schlüsselaufgaben nach 1989 – waren untrennbar mit der Überwindung des Konflikts mit Deutschland verbunden. Schon Anfang 1990 äußerte der erste demokratische Regierungschef Tadeusz Mazowiecki trotz vielerlei Bedenken seine Unterstützung für die deutsche Einheit.
Dass die Ausdehnung des Prozesses der europäischen Integration auf Mittel- und Osteuropa ohne die deutsche Wiedervereinigung unmöglich gewesen wäre, wurde von den polnischen Eliten schnell erkannt. Die Tatsache, dass diese ‚Europäisierung‘ der Beziehungen sowie der Beitritt Polens zur NATO (1999) und EU (2004) auch im Interesse Deutschlands lagen, bildete somit die Grundlage der „deutsch-polnischen Interessengemeinschaft“, die der polnische Außenminister Krzysztof Skubiszewski 1990 verkündete. Die historische Dimension dieser neuen Weichenstellung in der polnischen Außenpolitik ist unverkennbar: Nach Jahrhunderten der Feindschaft wurde der westliche Nachbar zum Schlüsselpartner und „das Setzen auf Deutschland“ zur außenpolitischen Doktrin erklärt, die Polens Rückkehr nach Europa erst möglich machen sollte.
Diese politische Wende wäre aber ohne tief greifende Prozesse in der Gesellschaft und in der öffentlichen Debatte unvollständig gewesen. Nicht nur änderte sich die Wahrnehmung der Deutschen und Deutschlands in der Bevölkerung rasch und unaufhaltsam, nachdem der freie Reiseverkehr eingeführt und die antideutsche Stimmungsmache in der offiziellen Politik beendet worden waren. Im März 1990 hegten nur 9 Prozent der Polen Sympathien für die Deutschen, im Jahre 1996 waren es schon 46 Prozent. Ein wichtiger Teil dieser Entwicklung war die Wiederentdeckung des deutschen kulturellen Erbes. Nach Jahrzehnten der Verdrängung wurde es an vielen Orten wieder Bestandteil der lokalen und regionalen Identität. Im Manifest der Kulturgemeinschaft „Borussia“ in Olsztyn/Allenstein hieß es: „Das Erbe jeder nationalen Vergangenheit betrachten wir als das Erbe der Menschheit.“
Für das Selbstverständnis der Republik Polen und den öffentlichen Diskurs waren die kontroversen historischen Debatten von zentraler Bedeutung, die nach der Aufhebung der Zensur die Auseinandersetzung mit der nationalen Geschichte prägten. Die Aufarbeitung der ‚weißen Flecken‘ der Vergangenheit, die in den Neunzigerjahren unter dem Schlagwort des „kritischen Patriotismus“ (Jan Józef Lipski) stattfand, schließt neben dem Verhältnis zu Juden oder Ukrainern auch die heikle Frage der Vertreibung der Deutschen nach 1945 ein. Dass es ein „historisches Böse, aber immerhin ein Böse“ gab (Jerzy Holzer), wofür die Polen eine Mitverantwortung trugen – unvermeidlich, aber belastend –, diese Erkenntnis setzte sich bereits Ende der Neunzigerjahre in den Eliten und in einem großen Teil der Gesellschaft durch. Sie war ein wichtiger Bestandteil nicht nur der selbstkritischen Betrachtung der eigenen Geschichte, die ihren Einfluss in den Neunzigerjahren geltend machen konnte, sondern auch des parallelen Versöhnungsprozesses mit den Deutschen.

Verstimmungen und Ausblick
War die deutsch-polnische Annäherung ein Meilenstein der Neuorientierung und Transformation in den Neunzigerjahren, so begann das neue Jahrtausend mit einer herben Enttäuschung über die, wie es hieß, „unvollkommenen Partnerschaft“. Bei den polnischen Eliten entstand immer stärker der Eindruck, Polen werde – trotz der Hilfe auf dem Weg in EU und NATO – von Deutschland nicht als ebenbürtiger Partner behandelt. Die mehrfach geäußerte Beteuerung, für Berlin sei Polen das „Frankreich im Osten“ , erschien lediglich als gut gemeinte Floskel. Der polnische Ex-Präsident Aleksander Kwasniewski kritisierte in einem Zeitungsinterview, dass Deutschland Polen nicht ernst nehme. Die Verstimmungen hatten auch ganz konkrete Gründe – markiert etwa durch unterschiedliche Positionen im Irak-Konflikt, den Streit um den EU-Verfassungsvertrag oder durch die polnische Ablehnung der deutsch-russischen Ostseegaspipeline. Die viel beschworene Interessengemeinschaft wich plötzlich einer Reihe von Interessenkonflikten, mit denen umzugehen beiden Seiten überraschend schwer fiel.
Das neue Misstrauen gegenüber Deutschland resultierte aber mehr noch aus den Veränderungen im kollektiven Gedächtnis und in der Geschichtspolitik in beiden Ländern. Die Flut der Erinnerungen an das deutsche Leid im Zweiten Weltkrieg, insbesondere aber der Versuch, dieser Erinnerung ein nationales Museum (Zentrum gegen Vertreibungen) zu widmen, rief in Polen Befürchtungen und Kritik hervor. Die Gefahr einer Relativierung bei der Frage von Verantwortung und Schuld für die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs erschien umso größer vor dem Hintergrund der selbstkritischen Debatten, die gerade in Polen geführt wurden (etwa über den Antisemitismus). So trat nun – als Antwort auf die als übermäßig empfundene Selbstkritik sowie auf den internationalen „Kampf der Erinnerungen“ – eine Wende zu einer affirmativen Geschichtspolitik ein. Sie sollte die positiven Seiten der polnischen Geschichte stärker in den Vordergrund stellen und einem Umschreiben der Geschichte in anderen Ländern vorbeugen. Insbesondere unter der konservativen Regierung in den Jahren 2005 bis 2007 führten diese Tendenzen zu einer Verschärfung der Kritik an Deutschland, die Verstimmungen im bilateralen Verhältnis zu Folge hatte. Interessant ist, dass sich diese politischen Zerwürfnisse kaum auf das Deutschlandbild in Polen sowie auf die regen Kontakte auf der Gesellschaftsebene (Wirtschaft, Kultur) auswirkten. Umfragen zufolge ist die Distanz zu den Deutschen in der polnischen Gesellschaft immer geringer geworden.
Seit Jahren ist von einem Bedürfnis nach Normalisierung im deutsch-polnischen Verhältnis die Rede. Der Erfolg des Versöhnungsprozesses, aber auch die manchmal bitteren politischen Verstimmungen machen eines deutlich: Eine Normalisierung wird erst dann eintreten, wenn beide Seiten lernen, mit Interessen- und Meinungsunterschieden zu leben und offen über sie zu reden, statt sie, wie in den vergangenen Jahren, allzu schnell zu unüberbrückbaren Differenzen und Wertekonflikten zu stilisieren. Dies ist die wichtigste Voraussetzung einer echten Partnerschaft, die im Interesse beider Länder und der gesamten EU liegt.